REMOTE – THE NOTBLUE

I. on screen

"Überall sind Augen. Es sind keine blinden Flecken mehr übrig. Wovon sollen wir träumen, wenn alles sichtbar wird? Wir werden davon träumen, blind zu sein." Paul Virilio

"There are eyes everywhere. No blind spot left. What shall we dream of when everything becomes visible? We will dream of being blind." Paul Virilio

 

 

II. etc.

de

Ich stehe am Hafen von Longyearbyen, eine Webcam filmt mich, ein anderer beobachtet mich rund 3000 km entfernt auf der Internetseite der Webcam, macht davon einen Screenshot, den er mir als Bilddatei schickt, ich sehe mir das Bild am Hafen stehend auf meinem Smartphone an, die Webcam filmt mich dabei, rund 3000 km entfernt wird ein Screenshot des Webcam-Bildes gemacht, das ich dann auf meine Webseite setze, irgendwo auf der Welt sitzen Sie und betrachten auf Ihrem Display das Bild auf meiner Webseite, das mich auf einem Screenshot zeigt, der entstand, als ich ......... etc. .......

Vielleicht stelle ich mich bei meiner nächsten Reise nach Longyearbyen an den Hafen und lasse mich von der Webcam filmen, wie ich das Bild auf meiner Webseite betrachte, das mich, gefilmt von der Webcam, am Hafen zeigt. Wenn ich das dann als Bild auf meine Webseite setze – würden Sie mir davon einen Screenshot schicken?

eng

I am standing at the harbour of Longyearbyen, a webcam is filming me, someone else is watching me about 3000 km away on the webcam's website, takes a screenshot and sends it to me as an image file, I stand on the harbour looking at the image on my smartphone, the webcam films me doing this, about 3000 km away, a screenshot of the webcam image is taken, which I then put on my website, somewhere in the world, you are sitting and looking at the image of my website on your display, which shows me on a screenshot taken when I was …... etc. ......

Maybe on my next trip to Longyearbyen, I will stand on the harbour and let the webcam film me looking at the picture on my website that shows me, filmed by the webcam, at the dock. If I then put a screenshot of this picture on my website – would you send me a screenshot of that?

 

 

III. das schiff wartet

de

Die spitze Kälte wühlt sich durch die Kleidung und unter die Haut. Über den Bergen, die in der Ferne in den Himmel zahnen, säumt der orangefarbene Schein der tiefstehenden Sonne die Wolken. Nach der zum offenen Meer zugewandten Seite breitet sich das Eis bis zum Horizont aus, in eine Weite hinein, die Auge und Seele kaum Halt finden lässt. Nach der anderen Seite hin in Richtung Küste löst sich das Eis auf und verliert sich in kleineren und größeren Schollen, sie treiben im Wasser, das dunkel und bodenlos die Erde und alles Vertrauen in jegliche feste Substanz aufzulösen scheint. Kleine Eisbrocken gleiten im sachten Tempo einer anderen Welt auf der Wasseroberfläche, ihr Schmelzen wird von einem hellen knisternden Geräusch begleitet.

Wir befinden uns an dieser Grenze zwischen dem endlosen Weiß, das mit seinen von der Gnadenlosigkeit des Meeres geformten Graten und Zacken und bizarren Formen den Horizont zergliedert, und dem dunklen Wasser, in das das Eis mit seinen Scherben und seinem blendenden Weiß hineinfranst.

Wir stehen auf einer Eisscholle, und meine Nerven vibrieren, um verstehen zu können, dass der Boden unter meinen Füßen so dünn ist, dass ich das Meer darunter atmen spüre. Meine Sinne schaffen es nicht, die Tatsache in ihrer vollen Tragweite zu erfassen, dass rund einen Meter tiefer ein dunkler Abgrund aus Wasser wartet, dessen Kälte mich jederzeit verschlingen könnte. Ich blicke auf meine Füße, die in dem Schnee, der die Eisscholle bedeckt, Spuren hinterlassen haben. Es ist sonderbar, dass sie sich durch nichts unterscheiden von jenen Spuren, die Kinder so gerne an Wintertagen in übermütiger Freude in den frischen Schnee pflügen, in der Gewissheit, die ersten zu sein, wenn schon nicht auf einem fremden Kontinent, so doch zumindest auf dieser zarten Oberfläche. Und die in einer Art Selbstvergewisserung der Welt mitzuteilen scheinen: Hier bin ich!

Ich weiß, dass ich mich nur deshalb sicher fühle, weil wir bald wieder auf dem Schiff mit seiner nestigen, wohligen Wärme und Behaglichkeit sein werden, wo auf uns ein warmes Essen wartet, das wir, in Gespräche vertieft, zu uns nehmen werden, in Gespräche, die es sich leisten können, um Dinge zu kreisen, die aus einem fernen Alltag gepflückt sind. Vielleicht werden wir auch über den Ausflug aufs Eis plaudern.

Ich frage mich, wo die tatsächliche Berührung mit einem Ort beginnt, wie sehr man sich an einen Ort verlieren muss, um eine Antwort zu erhalten, wo das Fremde uns Reibung schenkt. Ich denke mich zum Extremen. Ich versuche mir vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, wenn man uns auf der Scholle vergessen würde. An welcher Stelle in der Zeit der Moment verortet ist, der alles verändern würde, ein Echo der Erkenntnis, dass wir ohne Rettung wären. Dieser kurze Moment des Gewahrwerdens: „Wir sind verloren“, der Moment, ab dem nichts mehr so wäre, wie es vorher war, sich die Beiläufigkeit in die Katastrophe verzerrte, die Plauderei in den Schrei. Wie anders sich die Welt dann zeigen würde, wie in einem Prisma, das Zeit und Umstände, ein unglücklicher Zufall vielleicht, weitergedreht haben – die Welt schiene aus denselben Elementen zu bestehen und dennoch präsentierten sie sich in völlig neuer Gestalt. Und ich frage mich, wann sich ein Ort als wahr zeigt.

In gleichgültig-erhabener Stille teilt mir der Ort mit der ganzen Wucht unbedingter Präsenz seine Fremdheit mit.

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Die Zeit ist um.

Das Schiff wartet.

 

 

 

IV. klingkling

de

Ich lehne an der Reling, mein Blick schweift über das Meer, tastet die Wellenkämme in ihren fließenden Bewegungen ab, verliert sich in der Ferne. Die Sonne schimmert matt-müde durch einen bleiernen Dunstschleier, der das Wasser in einen öligen Glanz kleidet und in der Ferne mit dem Himmel verschwimmen lässt. Meine Augen ruhen dort, wo ich den Horizont vermute, und schicken die Gedanken in den Raum dahinter. Das regelmäßige „Kling-Kling“ eines Schäkels, der an einem Tau befestigt ist und im Rhythmus der Wellen an einen Mast schlägt, kondensiert die Zeit. Meeressekunden. Ein Seevogel fliegt ein Stück weit neben dem Schiff her, bevor er abdreht und aus meinem Blickfeld verschwindet. Ich atme die kühle Luft, die aus der Weite zwischen Himmel und Meer in meine Lungen strömt und mein Inneres auskleidet. Ich schließe die Augen und versuche die Grenze meines Körpers zu fühlen, die Schicht, auf deren anderer Seite die Luft beginnt, die dünne Schicht, die mich mit dem Außen verbindet. Mein Körper breitet sich aus, schmiegt sich um das „Kling-Kling“, treibt wie Flüssigkeit in den Raum. Möglichkeiten tanzen in die entlegensten Winkel meiner selbst.

Auf einmal ist es da, das Bewusstsein, nicht nur sichtbar zu sein, sondern gesehen zu werden. Ich rausche über die Wasseroberfläche zurück wie in einem sich beschleunigenden, rückwärts laufenden Film, von einem Dort her, zu dem mein Inneres Fäden gesponnen hat, durch die ein Strom der Verbundenheit fließt. Ich rausche zurück, schlage über die Wellen, vorbei an der matten Sonne, die sich mit der zunehmenden Geschwindigkeit verzerrt, die Berge im Hintergrund lösen sich auf zu konkreter Gestalt im gleißenden Licht der Milliarden Augen und Bilder. Die Fahrt endet im Zentrum eines kalten Auges, und ich betrachte mich von oben gefilmt, wie ich an der Reling stehe und über das Meer blicke, erschüttert von der Unmöglichkeit meines Traums.